Mittelalterlich Phantasie Spectaculum – Vollgas ins Mittelalter

Es ist 11:30 Uhr, vor der Bühne stehen ein Mönch, ein Bettler und der Tod. Was wie der Anfang eines Witzes klingt, sind die drei wichtigsten Gesichter des Mittelalterlich Phantasie Spectaculums, die durchaus mit viel Witz durch das Programm führen. Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum ist ein riesiges Mittelalter Festival, das jedes Jahr in mehreren Städten Deutschlands aufschlägt. Ich besuche die Veranstaltung seit Ewigkeiten im größten Veranstaltungsort Hamburg und habe mich dieses Jahr nun erstmals zum noch jungen Veranstaltungsort Hoppegarten bei Berlin gewagt.

Heimisch fühlt man sich aber auf jedem „MPS“, wie die Veranstaltung meist kurz genannt wird. Dafür sorgt das Programm auf den Bühnen, der große Markt, die Besucher und natürlich die drei Nasen, die kurz vor Mittag die Veranstaltung mit der Morgenmesse des Bruder Rectus eröffnen. Neben einigen Hinweisen zum Programm oder der Belehrungen, wo verlorengegangene Kinder abzuholen sind, gibt es dabei immer reichlich zu lachen. Denn die Hauptakteure wiederholen nicht immer die selben alten Geschichten, sondern denken sich immer wieder neue Absurditäten aus und nehmen dabei gerne Bezug auf die Stadt, in der sie sich befinden. Wegen der Hitze mahnen die drei ausnahmsweise auch ausreichend Wasser zu trinken – sonst wird eher der Genuss von Met empfohlen, den es an fast jeder der zahlreichen Tavernen zu trinken gibt.

Zum Abschluss der Morgenmesse muss ein Mitwirkender des MPS vortreten, der während eines anderen Spectaculums beim Wildpinkeln erwischt wurde. Die Strafe beim MPS: Teeren und Federn. Das Teeren mit einem zähen Sirup wird von Bruder Rectus genüsslich zelebriert – Strafe muss halt sein. Nachdem schließlich auch noch reichlich Federn am Körper kleben, gibt es dann den versöhnlichen Kuss durch Bruder Rectus. Die Strafe ist vollstreckt, es haben sich wieder alle lieb.

Eröffnung des Spectaculums
Der Markt wird stets mit der Morgenmesse des Bruder Rectus eröffnet. Dort wird auch mal geteert und gefedert. Image by Stefan Reismann

Auf der einen Seite Musikfestival

Vor allem für Freunde mittelalterlicher Klänge bietet das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum einiges und ist quasi ein ausgewachsenes Musikfestival. Dabei ist vor allem der teurere Samstag meist mit Topbands gespickt. Saltatio Mortis erreichte schon mit mehreren Alben Platz 1 in den deutschen Musikcharts und auch Die letzte Instanz, Versengold und Mr Hurley und die Pulveraffen waren bereits in den Top 10 vertreten. Mittlerweile findet man selbst im Fernsehen immer mal wieder Werbung für CDs besagter Bands. Das Mittelalter ist salonfähig geworden und das Spectaculum trägt mit seinen Tausenden Besuchern gewiss dazu bei.

Gastauftritte bei anderen Bands sind keine Seltenheit. An diesem Wochenende gibt es jedoch guten Grund zum Musiker-Roulette. Der Gitarrist von Versengold und Knasterbart fiel durch Familienzuwachs aus. Kurzerhand vertrat ihn der Drummer von Knasterbart, während Bassist Eike einige Solospuren mit übernahm. Derselbe Bassist übernahm seinerseits den Gitarrenpart bei Knasterbart. Alles kein Problem, da die Bands eng miteinander verbunden sind und Knasterbart ohnehin zur Hälfte aus Versengold-Musikern besteht.

Trotz Temperaturen um die 30 Grad, feiern die Besucher mit den Bands auf den drei Musikbühnen ein großes Fest. Für mich sind die Nachtkonzerte von Knasterbart immer das große Highlight der Veranstaltung. Nicht so stark besucht wie die parallel aufspielenden Jungs von Saltatio Mortis, bietet die Band um Hotze Knasterbart und Fummelfips einen ganz eigenen Charme. Als Gossenpoeten aus dem Liverollenspiel entstanden, hat sich die Band ihr eigenes kleines Gossenuniversum mit absurden aber liebevollen Charakteren aufgebaut. Nicht nur der Look der Band kommt reichlich abgeranzt daher, sondern auch die Texte von Lieder wie dem „Gossenabitur“ oder „Lieber widerlich als wieder nicht“. Bei allem Spaß ist die Band musikalisch aber über jeden Zweifel erhaben, zeigt sich stilistisch äußerst vielseitig und bedient sich auch munter an anderen Genres.

Auf der anderen Seite Mittelaltermarkt

Auch wenn das Spectaculum einen gewissen Festival-Charakter sitzt, handelt es sich noch immer um einen Mittelaltermarkt. Und dieser ist gigantisch. Beim Berliner MPS gab es gut 150 Stände zu bestaunen. Für das leibliche Wohl sorgten neben diversen Tavernen zahlreiche Ess-Stände, die fast alle nebeneinander standen. Bei Falaffel, Knobibrot, Baumstriezel, süßen Purzeln, Pfannenbräterei, Schupfnudeln und vielem mehr, fand wohl jeder etwas, das ihm schmeckt. Auch an MPS-eigenen Ständen gab es neben zahlreicher Softdrinks auch Grills mit Fleischspießen, Steaks und Wurst.

Wer auf der Suche nach angemessener Kleidung war, konnte auch gleich mehrere große Zelte finden, in denen mittelalterliche Gewandung und passende Accessoires verkauft wurden. Allgemein ist es immer wieder erstaunlich, dass ein großer Teil der Besucher gewandet auf der Veranstaltung unterwegs ist. Aber keine Sorge: Auch in zivil muss man sich nicht unwohl fühlen. Um leichteres Gepäck zu haben und um nicht ganz so sehr zu schwitzen, ließ ich meine Gewandung ausnahmsweise bewusst Zuhause.

Desweiteren findet man auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum auch zahlreiche Handwerker, die ihre Kunst feilbieten. Teils kann man ihnen sogar direkt bei der Arbeit zuschauen. Ein besonderes Highlight war an dieser Stelle wieder Europas größte Feldschmiede. Auch ein Barbier, Badezuber und ein Dudelsack Workshop gehören zum riesigen Aufgebot des Spectaculums. Beim Armbrustschießen dürfen Besucher ihre Zielgenauigkeit unter Beweis stellen, während bei Hau den Lukas Muskelkraft gefragt ist – auch mit einer Variante für Kinder mit Süßigkeiten als Preis.

Für Flair sorgen auch die sogenannten Heerlager. Dabei handelt es sich um Gäste, die mit authentischen Zelten und liebevoll gestalteten Lagern direkt auf dem Gelände kampieren und quasi mittelalterliches Alltagsleben auf den Markt bringen. Berlin bietet für Heerlager allerdings noch großes Wachstumspotential gegenüber anderen Veranstaltungsorten, wo man schon eher zu viele Anmeldungen hatte.

Ganz viel zu sehen auf dem MPS

Das Musikprogramm sind nicht die einzigen Schauwerte, die das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum zu bieten hat. Das Gauklerduo Forzarello begeistert das Publikum mit ihren Darbietungen, Medicus Dr. Bombastus gibt als Quacksalber medizinische Aufklärung und Kraftjongleur Bagatelli unterhält nicht nur mit seinen Kunststücken, sondern auch mit Witz und Charme klein und groß.

Auf dem Kampfplatz des MPS gab es indes nicht nur die Fechtgruppe Fictum zu sehen, sondern auch die Märchenstunde des Bruder Rectus, bei dem die drei anfangs genannten Akteure eine Art Improvisations-Theater veranstalten und dabei auch das Publikum mit einbeziehen. Auch die mittelalterliche Sportart Bruchenball ist immer wieder ein Spaß. Zwei Teams aus je vier Spielern versuchen den 80 Kilogramm schweren Bruchenball in die Endzone des gegnerischen Teams zu befördern und dürfen dabei miteinander ringen. Dabei wird das Geschehen meist von Bruder Rectus und dem Tod mit reichlich Humor kommentiert. Weniger brachial ist da der Tanz der Marktleute, bei dem jeder mitmachen und einfache Tänze aus Mittelalter und Renaissance lernen kann.

Darüber hinaus gibt es ein großes Ritterturnier, dass in Form einer Geschichte gestaltet und dessen Höhepunkt der Lanzengang ist. Auch die Nachtshows des Ritterturniers sind immer wieder spektakulär, wenn auch noch Feuer als weiteres Showelement hinzukommt.

Ein Stormtropper auf dem MPS
Nanu, hat der sich verlaufen? Beim MPS laufen auch unübliche Mittelaltergestalten rum. Beispielsweise der MPStrooper. Image by Stefan Reismann

Sonntag ist Familientag auf dem MPS

Wo der Samstag vor allem Musikfans anlockt, ist am Sonntag Familientag angesagt. Die Karten sind deutlich günstiger und Kinder bis einschließlich 15 Jahre sowie Senioren ab 66 Jahren kommen umsonst rein. Da die Tickets an der Tageskasse sonntags genau so viel kosten wie im Vorverkauf, eignet sich der Tag auch für einen spontanen Familienausflug.

Auch die Markteröffnung ist sonntags etwas familientauglicher gehalten und neuerdings hat man mit der Band Heavysaurus eine Metal-Band in Dino-Kostümen am Start, die sich zwar vor allem an die Jüngsten richtet, aber auch unter den Erwachsenen in kurzer Zeit viele Fans gewonnen hat. In Berlin waren die CDs am Merchstand mal wieder schnell ausverkauft.

Heuspielplatz für Kinder
Auch an Kinder ist gedacht. Der Strohspielplatz ist immer sehr beliebt. Image by Stefan Reismann

Groß aber familiär

Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum ist mit seinem ständigen Wachstum keine günstige Veranstaltung mehr und für mich zumindest an den großen Veranstaltungsorten mittlerweile mehr Festival als klassischer Markt. Durch den Familientag hat die Veranstaltung aber einen tollen Kompromiss gefunden, dass auch Familien die Veranstaltung genießen oder Neugierige mal in die Spectaculums-Welt reinschauen können. Wer einmal zu Besuch war, wird meist aus gutem Grund zum Wiederholungstäter.

Die Veranstaltung hat so viel zu bieten, dass auch ein ganzes Wochenende auf dem Markt einfach nicht langweilig wird und allenfalls mächtig auf die Füße geht. Außerdem kann man trotz der Größe der Veranstaltung noch immer von einer „MPS Familie“ sprechen, da sich so viele über Eck kennen und die Atmosphäre einfach angenehm entspannt ist. Sogar das Mitbringen von eigenen Getränken oder Snacks ist noch weitgehend erlaubt.

Ich freue mich dieses Jahr noch auf die „fette Heide“, dem Spectaculum, dass den bisherigen Hamburger Standort ersetzt und das neue größere Spectaculum wird. Aber auch kleine Standorte wie Hohenwestedt, wo der Markt ein Stück weit im Wald liegt, haben wieder ihren eigenen Charme.

Wer von weiter weg kommt, der kann übrigens auch nah am Gelände auf dem Campingplatz sein Zelt aufschlagen. Kostenlos ist das zwar nicht, aber günstiger als ein Hotel und vor allem für jene attraktiv, die in größerer Gruppe kommen und diesen gewissen Festival-Flair mit Zelt und Grill genießen.


Images by Stefan Reismann

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