Der Ultraleicht – Wanderer Carsten Jost im Interview

DSC01961Der Mann hat’s in den Beinen: zig-Tausende Kilometer auf zivilisationsfernen Wegen hat Carsten Jost in den letzten Jahren absolviert. Mehrfach längs durch die USA, durch die Pyrenäen, durch Nordskandinavien. Rund 11.000 Tausend Kilomenter in 10 Jahren. Insgesamt 150 Wochen auf Wanderschaft. So krass die Leistungen und der damit verbundene Lebensstil wirken, immer mehr Menschen interessieren sich für die extreme Form des Long Distance Hiking. – Carsten Jost ist für alle Neugierigen die ideale Bezugsperson, wenn es darum geht, richtig zu packen und zu planen. Wir sprechen den Ultralight Trekking-Experten.

Hallo Carsten! Wir sind schwer beeindruckt von deiner Lauf-Leistung. Welcher große Trip liegt gerade hinter dir? Welcher vor dir?

Mein letzter größerer Trip war der Coast-2-Schweden. Auf 400 km läuft man einmal quer durch Südschweden. Vom Schloß in Kalmar zur Burg in Varberg.

Du bist Experte für Ultralight Trekking. Was ist das genau?

Weil man auf den langen Touren jeden Tag mit seinem Rucksackgewicht konfrontiert wird, möchte man unbedingt, dass das Gewicht weniger wird. Das führt dazu, dass man wirklich nur noch mitnimmt was man braucht und auf der anderen Seite nach sehr leichter Ausrüstung Ausschau hält.

Was sind die häufigsten Fehler und Verführungen beim Packen? Wie sieht deine Gewichtsplanung aus vor einem deiner großen Trips?

Der größte Fehler ist seine Angst einzupacken. Der Kopf zeichnet einem äußerst unwahrscheinliche Extremszenarios denen die Ausrüstung stand halten soll. Und für dieses Szenario packt man dann ein. Klar kann man auch auf auf einer sommerlichen Tour in Südspanien mal schlechtes Wetter haben. Deswegen landet dann auch das sturmsichere Expeditionszelt mit 3,5kg im Rucksack anstatt ein ultraleichtes Zelt mit unter einem Kilo. Für die Planung setze ich mich deswegen zum einen intensiv mit den zu erwartenden Bedingungen vor Ort auseinander, schaue mir an, was andere erfolgreiche Long-Distance-Hiker dabei hatten und schreibe alles in eine Packliste. Mit einer Packliste kann man super überprüfen wie schwer der Rucksack wird und sieht auch Gewichtssünden ganz gut.

Nenn uns bitte ein paar deiner Ultralight Lieblingsstücke, die immer dabei sein müssen.

Ein Schirm mit 207 Gramm. Der schützt vor moderatem Regen (bei sensationeller Atmungsaktivität), vor Sonne, kann als Windschutz beim Kochen verwendet werden und hat weitere Vorteile. Mein mittlerweile 12 Jahre altes Ultraleicht-Windshirt mit 80 Gramm und dem Packvolumen eines Apfels. War auf allen langen Touren dabei und zeigt ganz deutlich, dass ultraleichte Sachen auch mal länger durchhalten. Und zu guter letzt die ultraleichte Daunenjacke. Machts schön warm, wenn man abends im Camp ist oder sich von nem Gipfel aus den Sonnenuntergang anschaut.

Etliche Kino- und Buchbestseller faszinieren gerade ein breites Publikum für das Thema Long Distance Trekking. Wie siehst du das? Freust du dich über die Popularisierung?

Ja und Nein. Ich freu mich für jeden, der sich auf den Weg macht, um einen langen Weg zu laufen. Wer einen langen Trail durchzieht wird positiv verändert nach Hause kommen. Auf der anderen Seite führt dieser „Hype“ zu einer gewissen Überfüllung der Trails, was sich gerade in den ersten paar hundert Kilometern negativ bemerkbar macht. Oft trennt sich dann aber die Spreu vom Weizen und „hinten raus“ ist dann alles wieder schön.

Wie vereinbarst du deinen Lebenstil mit deinem Familienleben?

Zur Zeit mache ich keine richtig langen Sachen. Zwischen 400 und 800 km bekomme ich auch mit Familie hin. Meine Frau räumt hierfür gerne 2-4 Wochen Zeit ein und es gibt gerade in Europa viele tolle kürzere Long-Distance-Hikes, die man somit machen kann. Als unfertiger Triple-Crowner – ich hab zwar Appalachian und Pacific Crest Trail, mir fehlt aber der Continental Divide Trail – muss ich zwar irgendwann nochmal länger los, das kann ich aber dank ultraleichter Ausrüstung auch wenn ich etwas älter bin.

Schon mal richtig übel was vergessen bei der Planung?

Ganz ehrlich? Nein. Ich habe auf langen Touren am Anfang auch etwas zu viel mit und miste häufig unterwegs noch ein paar hundert Gramm aus. Planungsfehler hab ich hingegen schon hin und wieder. Ich hab schon mal übersehen, das manche Brücken in Skandinavien im Herbst abgebaut werden und man durch jeden Fluß durchwaten muss (was sich einfacher anhört als es in der Praxis ist). Bei solchen Sachen hätte ich im Nachhinein gerne mal mein Gesicht gesehen als mir der Planungsfehler dann aufgefallen ist.

 

Carsten Jost schreibt auf seinem Blog Fastpacking über seine aktuellen Projekte und gibt Produkttipps zum Ultraleicht-Wandern. Außerdem ist er Mitgründer des Outdoor Blogger Networks, einer Vermarktungsplattform für Blogger.


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